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„Ich habe ein unerschöpflich positives Menschenbild“ – Oberst i.G. Prof. Dr. Matthias Rogg sprach bei einer Tagung der „Initiative Wirtschaft“ zum Thema Ukraine-Krieg

Oberst i.G.Prof. Dr. Matthias Rogg referierte zum Thema „Krieg in der Ukraine“. Foto: Rainer Nix.

 Münster. Zu einer Unternehmer-Begegnung der Regionalgruppe Münsterland lud die Initiative für evangelische Verantwortung in der Wirtschaft e.V. am 16. Dezember 2022 ins Paul-Gerhard-Haus Münster ein. Zahlreiche Teilnehmer aus verschiedenen Regionen Deutschlands hörten den Vortrag von  Oberst i.G. Professor Dr. Matthias Rogg, Potsdam, zum Thema „Krieg in der Ukraine – eine Einordnung in historischer, sicherheitspolitischer und friedensethischer Perspektive“.

Der russische Angriff auf die Ukraine am 24. Februar 2022 hat Europa,  ja die ganze Welt, aufgerüttelt. Schnell entwickelten Fragen nach militärischer Unterstützung, über die Aufnahme von Geflüchteten und wirtschaftlichen Konsequenzen eine hohe Brisanz. Die „Initiative Wirtschaft“ hatte bei ihrer Gründung von mehr als 20 Jahren besonders die Hilfe  für Osteuropa im Blick, weshalb die aktuelle Entwicklung in ihrer Tragik hier mit besonderer Aufmerksamkeit verfolgt wird.

„Begegnung, Erfahrungsaustausch und Inspiration sind das Motto der Initiative“, betonte der Vorsitzende Ralf Swetlik bei seiner Begrüßungsansprache. In diesem Sinne wurde die Tagung verstanden. Er erinnerte an den „Tag der Menschenrechte“ am 10. Dezember, der gut zum Thema passte. „Was bedeutet dieser Tag angesichts der ausgerufenen Zeitenwende, die der russische Angriffskrieg und in der Folge das ungeheure Leid und die Erschütterungen  vieler Gewissheiten markierte?“, fragte der Vorsitzende. „Es bedeutet, genau hinzuschauen, was warum geschieht und zu benennen, wer welche Verantwortung trägt.“ Man müsse sich konzentrieren auf das, was jetzt unbedingt Not tue und das sei im Moment, zu helfen und zu handeln. Der Advent ermutige die Menschen, hoffnungsvoll und mit erhobenem Haupt in die Zukunft zu schauen. Trotz der schwierigen Thematik brachte der Posaunenchor der Evangelischen Kirchengemeinde Nordwalde-Altenberge unter der Leitung von Max Schmidt ein wenig weihnachtliche Atmosphäre in den Saal.

Dr. Horst Kiepe aus Nordwalde, Vorstand Mitglieder und Regionen, stellte die „Initiative Wirtschaft – Christen in der Verantwortung“ vor. In Deutschland hat dieser Verein 550 Mitglieder. Die Initiative führt Menschen zusammen und bietet Mitgliedern und Freunden ein Forum für eine im christlichen Glauben verankerte Weggenossenschaft.

Berufssoldat Oberst Rogg, der zugleich Professor für Neuere und Neuste Geschichte an der Universität der Bundeswehr in Hamburg ist, beleuchtete den Ukraine-Konflikt aus verschiedenen Perspektiven. Dabei blickte er auch in die Zukunft. „Irgendwann ist dieser Krieg beendet“, sagte er, „und irgendwann nehmen wir mit Russland wieder Gespräche auf.“ Rogg glaubt, dass wir dann die Hand ausstrecken und neues Vertrauen aufbauen müssen, allerdings: „nicht vorbehaltlos“.  Der kritische Blick sei immer wichtig. „Wenn Waffen schweigen ist das eine notwendige, aber keine hinreichende Garantie für Frieden.“ Doch der Oberst betonte auch seine grundlegend optimistische Haltung: „Ich habe ein unerschöpflich positives Menschenbild.“

Zunächst beleuchtete Rogg die Ist-Situation. Seine Analysen waren nüchtern, aber nicht unsensibel. Er machte die Beweggründe Wladimir Putins für sein Handeln deutlich. „Alles was vorher einmal zu Russland gehörte, muss auch wieder russisch werden“, laute sein Credo. Die „Washington Post“ titelte „The Road to War“ und erläuterte, dass Russland bereits länger einen Krieg gegen die Ukraine geplant habe. Überrascht habe das schlechte Auftreten der russischen Armee im Gegensatz dazu, wie positiv sich die ukrainischen Streitkräfte darstellen. Es sei der Unterschied zwischen einer verkrusteten und einer modernen Armee zu bemerkten. Auf russischer Seite dominiere die Artillerie, was auf veraltete Kriegsführung schließen lasse. Der „Electronic war“ sei fast ausgeblieben, Russlands Strategie verlaufe sehr stark in konventionellen Bahnen.  Kriegsverbrechen würden auf beiden Seiten begangen, seien nicht strukturelles Element des Geschehens. Allerdings sei eine Entgrenzung des Kriegsgeschehens zu beobachten, da die russische Armee offenbar nicht nur auf einen militärischen Sieg aus sei. Die Zerschlagung der Lebensgrundlagen der Ukrainer weise genozidalen Charakter auf. 570 Kultureinrichtungen seien gezielt zerstört worden, der Ökozid, die mutwillige Zerstörung der ukrainischen Kultur, werde von den russischen Aggressoren zumindest billigend in Kauf genommen.  Saatdatenbanken würden gezielt vernichtet, womit eine spätere Renaturierung brach liegender Felder boykottiert würde. Deutschland sei, betonte der Oberst, trotz Unterstützung der Ukraine durch Waffenlieferungen, im völkerrechtlichen Sinne keine Kriegspartei.

Superintendent André Ost, Evangelischer Kirchenkreis Tecklenburg, moderierte die sich anschließende engagierte Diskussion. Zum Ende der Veranstaltung gab Susanne Falcke, Superintendentin des Kirchenkreises Steinfurt-Coesfeld-Borken, das geistliche Geleit. „Fürchtet euch nicht, denn siehe, ich verkünde euch eine große Freude, die dem ganzen Volk zuteilwerden soll: Heute ist euch in der Stadt Davids der Retter geboren; er ist der Christus, der Herr“, sagt der Engel in der Weihnachtsgeschichte. Doch das „‘Fürchtet euch nicht‘ fällt in diesem Jahr schwerer als sonst“, so die Superintendentin.  Aber Gott sei ein starker Friedensfürst. „Wir brauchen Realitätssinn, um auf den Frieden zuzugehen“; sagte Falcke, „und der Friedensfürst steht in der Mitte aller Realitäten.“ Nix

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