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Langzeitbegleitungen in der Klinikseelsorge – Klinikseelsorger berichtet über komplexe seelsorgliche Begegnungen

Münster. Wer als Seelsorger arbeitet, hat in der Ausgestaltung seines Dienstes ein großes Maß an Freiheit. Dazu gehört auch, so Pfarrer Karl H. Köster, Seelsorger am Universitätsklinikum Münster, dass manche Begleitungen weit über den Klinikaufenthalt der Patientinnen und Patienten hinausgehen können. Begleitungen enden nicht immer an der Kliniktür, so Köster. Die Gründe sind vielfältig und immer ist es eine individuell getroffene Entscheidung des Seelsorgers auf dem Weg mit einem Patienten, dessen Lebensumständen und seinem sozial-familiären Umfeld.

Beispielhaft nennt er (Anm.: Die folgenden Angaben sind stark verfremdet) den Kontakt zu einem Sterbenden auf der Intensivstation, dessen Ehefrau schon beim ersten Kontakt darum bat, die Familie auch nach dem Tod ihres Partners zu begleiten und die Beerdigung zu gestalten. Initial für diesen Kontakt war zunächst die Bitte um Unterstützung der Tochter des Patienten, die mit dem absehbaren Tod des Vaters nicht gut zurechtkam und schon länger psychisch erkrankt war.

Aus diesen Anfängen entwickelte sich, so Köster, eine Art „Seelsorge in der Familie“ – die Beisetzung wurde gemeinsam geplant, es entstand ein enges Vertrauensverhältnis. Weitere Besuche in der Familie fanden statt, denn der Gesprächs- und Begleitungsbedarf blieb. Die Tochter konnte schließlich einer Therapie zustimmen, während die Ehefrau des Verstorbenen bald selbst schwer erkrankte und die Unterstützung des vertrauten Seelsorgers weiterhin wünschte.

Mit Blick auf ein solches Setting spricht Köster, der aktuell einen Workshop zum Thema „Langzeitseelsorge“ vorbereitet, von einer „Grauzone der Zuständigkeiten“. Wo und bei wem holt man sich Hilfe, wenn so viele Faktoren zusammenkommen? Zum häuslichen Gefüge gehören noch der dementiell erkrankte Großvater sowie der nach einem Unfall körperlich stark eingeschränkte Neffe. Der in der Klinik zunächst „nur“ für die Begleitung der Tochter gerufene Seelsorger ist plötzlich mit einem komplexen Familiensystem konfrontiert – und muss sich entscheiden, wie weit er hier mitgeht.

In der Praxis stellen sich diese Fragen nicht scharf getrennt und nacheinander, sie sind eher verwoben, weil in einem System alles zusammenhängt. Die Familie gibt gleich zu Anfang einen Vertrauensvorschuss, und der Seelsorger klinkt sich ein in das komplexe Fragen- und Beziehungsgeflecht.

Das ist die Freiheit, die ich in meinem Tun habe, so der erfahrene Klinikseelsorger, der zugleich betont, dass dieses Vorgehen für ihn zugleich spannend und herausfordernd ist. Wer sonst kann sich an den Schnittstellen zwischen Klinik und häuslichem Umfeld so frei bewegen? Der Sozialdienst? Ein niedergelassener Therapeut? Ein Pflegedienst? Sie alle haben ihre klar definierten Zuständigkeiten, doch was ist mit dem Bedarf, der darin nicht aufgeht? Übergabe in die Ortsgemeinde? Denkbar, aber in der Praxis nahezu unmöglich, da allerorten das Personal knapp ist und die Strukturen für ein solches „Schnittstellenmanagement“ gänzlich fehlen.

Dazu kommt: Das in der Klinik spontan entstehende Vertrauensverhältnis lässt sich, wie im geschilderten Fall, angesichts der Komplexität der Themen kaum auf eine andere Seelsorgeperson übertragen.

Begegnungen wie diese, so Köster abschließend, gibt es viele im seelsorglichen Alltag. Nicht aus jeder Begegnung entwickelt sich ein solch multifaktorielles Geschehen – und angesichts der knappen personellen Ressourcen bleiben diese Komplexbegleitungen letztlich solitär.

Daher sei die Ausbildung und Förderung des seelsorglichen Nachwuchses, wie sie derzeit im Masterstudiengang Spiritual Care geschehe, auch bezüglich dieses Themas, so wichtig. Die genannte Schnittstellenproblematik sei zudem ein dankbares Aufgabenfeld für gut ausgebildete Ehrenamtliche. Strukturen dafür sind derzeit leider nicht ansatzweise vorhanden.