Telgte/Münster. Von medizinischen Diagnosen über spirituelle Hoffnung bis zu kulturwissenschaftlicher Ritualforschung: Auf diesen Feldern bewegte sich die Tagung „Heil und Heilung – Zwischen Theologie, Popularfrömmigkeit und Medizin“, die vom 20. bis 22. November 2025 im RELiGIO-Westfälisches Museum für religiöse Kultur in Telgte stattfand. Veranstalter waren der Evangelische Kirchenkreis Münster und die Kommission für Religiosität und Spiritualität der Deutschen Gesellschaft für Empirische Kulturwissenschaft.
Schon der Ort selbst setzte einen Rahmen: Telgte als historisch gewachsener Wallfahrtsort, in dem Suchbewegungen, Glaubensbilder und Heilserwartungen seit Jahrhunderten präsent sind. Vor diesem Hintergrund entwickelte sich die Tagung nicht als Rückblick, sondern als Gegenwartsreflexion, die der Frage nachging, wie Menschen heute Krankheit, Hoffnung und Heil deuten und welche Rolle Medizin, Psychologie, Glaube und Kulturwissenschaft dabei spielen.
Wege des Heilens
In seinem Grußwort machte Superintendent Holger Erdmann deutlich, dass diese Fragen nicht abstrakt sind, sondern Lebensatem haben. Es gebe Augenblicke, „in denen die Zeit lauter tickt als unser Herz, auf dem Stationsflur, im Diagnosegespräch, im Warten und Aushalten“. Heil im biblischen Sinn sei deshalb mehr als das Verschwinden von Symptomen. Es beschreibe Ganzsein: „Dann ist vom Shalom die Rede, vom Zusammenkommen von Körper, Seele, Beziehungen und Hoffnung. Medizin sucht nach Heilung. Und Heil, dafür öffnen wir uns vor Gott. Beides gehört zusammen.“
Erdmann erinnerte auch an die Begrenztheit menschlicher Machbarkeit: „Krankheit bleibt manchmal. Und doch geschieht Heil, in Nähe, im Trost eines Wortes, im Vertrauen, das trägt, wenn medizinisch vieles getan ist und Fragen offenbleiben.“
Damit setzte er die Leitlinie, an der die Tagung fachlich wie praktisch entlangarbeitete. Medizin und seelsorgliche Deutung als komplementäre Perspektiven. Anerkennung fand besonders sein Dank an Ärzt:innen, Pflegekräfte, Forschende und Seelsorgende „die im Klinikalltag nicht nur Akten, sondern Menschen sehen“.
Kulturwissenschaftliche Tiefenschärfe
Diese anthropologische Linie griff Dr. Heike Plaß wissenschaftlich auf. Sie erinnerte an die historische Belastung des Begriffs „Heil“: „‚Heil‘ wurde in Deutschland politisch missbraucht. Wenn wir den Begriff heute verwenden, braucht es historisches Bewusstsein und theologische Präzision. Er darf nie Machtmittel sein, sondern muss an der Würde des Menschen orientiert bleiben.“
Plaß zeigte, wie breit kulturwissenschaftliche Forschung Heilnarrative untersucht: Pilgerwesen, religiöse Krankheitsdeutungen, psychosoziale Bewältigungsformen, Alltagsmedizin, spirituelle Praktiken. Was Erdmann als seelsorgliche Erfahrung beschrieben hatte, erhielt hier akademische Tiefenschärfe.
Resonanzräume
Diesen Bogen führte Dr. Anja Schöne lokal weiter. Sie griff die Überlieferung einer Heilung eines blinden Kindes in der Telgter Gnadenkapelle auf und fragte nach ihrer heutigen Deutung.
Dabei beschrieb sie Heilungsgeschichten als Resonanzräume, die zeigten, welche Hoffnungen Menschen bewegen, wenn sie an Grenzen kommen. Heilung geschehe nicht immer im Labor, sondern auch im Erinnern, in Beziehung und in der Suche nach Sinn.
Damit nahm Schöne die kulturelle und spirituelle Bedeutung des Veranstaltungsortes in den Blick. Telgte erscheine nicht als Kulisse, sondern als lebendige Chiffre für menschliche Verwundbarkeit, religiöse Gebete und die Suche nach Orientierung.
Fachlicher Dialog statt konkurrierender Systeme
Diese Perspektiven mündeten in ein interdisziplinäres Fachgespräch.
Vortragende aus Theologie, Medizin, Psychologie, Pflegewissenschaft und Kulturwissenschaft befassten sich unter anderem mit Spiritual Care in Krankenhaus und Hospiz, psychosozialen Faktoren von Erkrankung, Transformation religiöser Heilvorstellungen in der Moderne, ethischen Fragen im Umgang mit Leid, Frömmigkeitsgeschichte, Ritualforschung und Pilgerpraxis, ME/CFS und Post-Covid, Resilienz, Dankbarkeit und Deutungsmustern in Krisen.
Statt einer Konkurrenz zwischen Religion und Medizin zeigte die Tagung, wie sehr therapeutische Praxis, Sinnsuche und spirituelle Ressourcen ineinandergreifen.
300 Besucher:innen bei Doc Esser
Große Resonanz fand der öffentliche Vortrag des Pneumologen Dr. Heinz-Wilhelm „Doc“ Esser unter dem Titel „Wenn die Seele in Seenot gerät – Das Prinzip der Mutigen. Psychische Stärke kann man lernen.“ Rund 300 Menschen nahmen teil.
Esser sprach über seelische Belastung in Krisenzeiten, innere Schutzfaktoren, Resilienz und darüber, warum medizinische Behandlung, psychologische Begleitung und spirituelle Ressourcen zusammengedacht werden müssen. Damit verlängerte er die Frage der Tagung in den öffentlichen Raum: Wie halten Menschen aus, was sie tragen müssen und was hilft ihnen dabei?
Ergebnis: Ein Thema, das bleibt
Durch den Austausch wurde deutlich, dass Vorstellungen von Heil und Heilung gesellschaftlich neu verhandelt werden, zwischen Klinikalltag, seelsorglichen Aufgaben, anthropologischer Forschung und religiöser Suche.
Erdmann fasste das Leitmotiv zusammen: „Heil und Heilung sind Wege, auf denen Gott uns begegnet und auf denen Menschen einander neu begegnen können“.
Damit setzte die Tagung ein Zeichen für ein Gespräch, das weitergeführt werden wird, über Grenzen menschlicher Machbarkeit, über Würde und Hoffnung und über die Frage, wo sich Heil und Heilung im Leben der Menschen zeigen.