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„Kinder zu begleiten ist ein großes Geschenk“ – Kita-Trägerverbund-Geschäftsführerin Sabine Busch wird in den Ruhestand verabschiedet

Hat ihren Beruf gern und erfüllt ausgeübt: Sabine Busch, Geschäftsführerin des Trägerverbundes der Kindertageseinrichtungen im Kirchenkreis Münster, geht bald in den Ruhestand. Foto: Jane Schwarz

Münster. Eine Ära in der Arbeit der Kindertageseinrichtungen im Evangelischen Kirchenkreis Münster geht zu Ende: Sabine Busch, die diesen wichtigen Bereich des sozialen Engagements der Kirche als Geschäftsführerin des Kita-Trägerverbundes jahrzehntelang geprägt hat, wird an diesem Wochenende (28. November) verabschiedet und geht am 31. Dezember endgültig in den Ruhestand.

Sabine Busch wurde 1961 geboren und wuchs in Tecklenburg auf, wo sie auch zur Schule ging. Ihr Elternhaus war kirchlich geprägt, ihr Vater war im Posaunenchor der Gemeinde aktiv, und Sabine besuchte regelmäßig die Kindergottesdienste. Nach dem Schulabschluss absolvierte sie in den Jahren 1978 und 1979 ein freiwilliges diakonisches Jahr bei den Ledder Werkstätten im gleichnamigen Tecklenburger Stadtteil. Dort kam sie nicht nur erstmals mit der Kirche näher in Berührung, sondern auch mit dem sozialen Bereich und lernte die Arbeit mit Menschen mit geistiger Behinderung kennen. Von 1979 bis 1982 schloss sich eine Ausbildung zur Erzieherin in Lüdinghausen an. Danach arbeitete Sabine Busch im Städtischen Kindergarten Emkum in Lüdinghausen-Seppenrade und wurde schließlich Leiterin des Evangelischen Kindergartens Lotte bei Osnabrück. Im Jahr 1992 wurde sie Fachberaterin für die Kindertageseinrichtungen der Kirchenkreise Steinfurt-Coesfeld-Borken und Münster, blieb aber Angestellte des Kirchenkreises Tecklenburg. Im Jahr 2008 wurde sie Geschäftsführerin der Kindertageseinrichtungen im Kirchenkreis Münster, blieb aber in Tecklenburg wohnen. Damit übernahm sie die Verantwortung für 22, heute 23 Kitas und 400 Mitarbeitende, meistens Frauen, aber inzwischen auch immer mehr Männer. „Meine Aufgabe ist es, das Aufwachsen von Kindern in dieser Gesellschaft verantwortlich zu begleiten“, erläutert die umgängliche Geschäftsführerin. „Ich sorge für den institutionellen Rahmen, damit Kinder auf positive Weise Bildung und Zuwendung bekommen und erfahren.“ Aus Sabine Buschs Sicht geht es darum, dass Kinder die Welt in allen Dimensionen erfahren, wobei die Grundlage immer das christliche Menschenbild ist. „Kinder sollten das Recht auf Religion haben, damit sie sehen und erleben können, was das für sie bedeuten kann“, unterstreicht die Kita-Expertin. „Wenn das nicht geschieht, enthalten wir ihnen etwas vor, was ihnen Stärke und Mut fürs Leben geben kann.“ In den evangelischen Einrichtungen sollten deshalb Glaube und Religion gelebt werden, hebt sie hervor. Das schließe keineswegs aus, dass evangelische Kitas muslimische Kinder aufnähmen; ganz im Gegenteil seien sie dort heute stark vertreten. „Muslimische Eltern entscheiden sich heute nämlich oft für christliche Einrichtungen, weil dort noch über Gott geredet wird“, erklärt sie. „Was sich später daraus entwickelt, das steht dann noch einmal auf einem anderen Blatt.“

Die früher oft zitierte Sorge, bestimmte religiöse Themen könnten nicht passend sein, spielt heute bei Familien mit vielfältigen Hintergründen keine Rolle mehr und es gebe auch keine Auseinandersetzungen oder Schwierigkeiten mit ihnen. „Vielfalt ist eine Bereicherung, und wir sind in unseren Einrichtungen sehr einladend“, betont die Geschäftsführerin. „Für die Familien sind wir sehr transparent, und wir beten und halten Gottesdienste gemeinsam mit den Muslimen.“ Das werde auch nicht mehr als Spagat empfunden. Kinder seien einzigartige Persönlichkeiten, deren Lebensumfeld wahrzunehmen Grundlage jeder Pädagogik sei. Die evangelische Kirche habe durchaus etwas Entscheidendes zu bieten, was sie mit allen teilen möchte – nämlich vom Glauben zu berichten und Hoffnungsgeschichten aus der Bibel zu erzählen, damit Leben gelingen könne.

Und was hat Sabine Busch an ihrer Arbeit vor allem gereizt, warum ist sie ihr so lange treu geblieben? „Das Aufwachsen von Kindern begleiten zu dürfen ist ein großes Geschenk“, bekennt die Kita-Expertin, „und Art und Umfang meiner Tätigkeit sind immer mehr gewachsen.“ Allerdings hätten die sich ständig verändernden politischen Rahmenbedingungen im Verlauf der letzten Jahrzehnte immer wieder neue Herausforderungen an Träger und Mitarbeitende der Kitas gestellt. „Diese Herausforderungen zu bewältigen, gelingt aber in der Kirche besonders gut, denn in ihr steht man nie alleine da. Das ist ein großer Vorteil.“ Sie habe in einer starken Verbindung mit den örtlichen Gemeinden, den jeweiligen Kita-Leitungen „und einer richtig guten Verwaltung“ zusammengearbeitet, freut sich die scheidende Geschäftsführerin. Ihre Arbeit sei deswegen in der Kirche hochvernetzt und von der Kirche hochgetragen gewesen. „Insbesondere ist es ein großes Geschenk, wie oft ich bei christlichen Gottesdiensten, vor allem monatlichen Andachten, Gottesdiensten auf Synoden und Gottesdiensten in Kitas mitwirken durfte.“

Und warum ist sie nicht Erzieherin geblieben? Ist das Amt der Geschäftsführerin ihr nah genug dran an der Praxis in den Kitas? „Ich brauchte für mich eine Weiterentwicklung, und als Geschäftsführerin fühle ich mich total nah dran am Geschehen“, antwortet sie ohne Zögern. „Ich habe auch in einer Zeit mit großem Personalmangel dafür Sorge zu tragen, dass wir qualifiziertes Personal und gute Räume haben, etwa für unsere neuen Einrichtungen in Ascheberg, Everswinkel, Handorf und Münster-Mauritz.“ Ihr Engagement gelte etwas, das gute Bedingungen für die Kita vor Ort gewährleiste, und ihr Bezug zur Welt der Praxis sei so eng, wie sie ihn sich wünsche. Aber auch ein paar grundsätzliche Anmerkungen in Richtung der Politik hält sie bereit: „Wir sind einfach finanziell und personell nicht ausreichend ausgestattet“, kritisiert sie. „Von Seiten der Politik wird dazu viel gesagt und erklärt, aber es verändert sich nichts.“ Deshalb habe es vor zwei Jahren eine große Demonstration vor dem Düsseldorfer Landtag gegeben, um darauf hinzuweisen, dass die Finanzierung und die Rahmenbedingungen der Kitas dringend verbessert werden müssten. Derzeit stünden die gesetzlichen Grundlagen erneut vor einer Revision, was aber dabei herauskomme, sei völlig offen, so Sabine Busch. Eins hat sich ihrer Beobachtung nach allerdings verbessert: Die Arbeit der Erzieherinnen und Erzieher werde inzwischen gesellschaftlich mehr wertgeschätzt, und es werde wahrgenommen, dass sie ein hohes Engagement für Kinder an den Tag legten. „Die Bedeutung der Kita für die ersten Lebensjahre eines Menschen, die Anregung und Förderung, die wir Kindern angedeihen lassen – dem allen wird inzwischen ein höherer Stellenwert beigemessen“, urteilt die 64-jährige. „Kitas werden längst als Bildungsinstitutionen angesehen.“ Wie die Kirche, so befänden sich auch die Kitas derzeit in einem Transformationsprozess, lautet ihre Überzeugung. Die Einrichtungen würden sich verändern, und manche würden auch untergehen, dafür aber würden auch neue entstehen. Auf jeden Fall brauche man als Mitarbeitende Menschen mit unterschiedlichen Biographien und Erfahrungen, und nach heutigem Stand müssten auch alle, die in der Kita arbeiten, Mitglieder der Kirche sein. Dass seit ihrem Start in den Beruf im Jahr 1992 so viele Mitarbeitende mit Migrationshintergrund und ausländischem Pass dazu gekommen sind, betrachtet sie als Bereicherung.

Und wie sieht die Zukunft der Kitas aus? Wird die Personalnot noch zunehmen? „Die Zahlen der Geburten gehen zurück, und deshalb wird sich das irgendwann hoffentlich einpendeln und nicht zu noch größeren Problemen führen“, bleibt Sabine Busch zuversichtlich. Ein Problem sei es allerdings, dass die Abschlüsse, die Erzieherinnen aus dem Ausland mitbrächten, häufig nicht oder viel zu spät anerkannt würden. Das müsse sich ändern, um Lücken schließen zu können. Und was die Thematik sexueller Missbrauch in der Kirche angeht, die in der Öffentlichkeit stark diskutiert wird, so hat die erfahrene Frau eine feste Überzeugung. „Angesichts der Haltung zu Kindern in der Vergangenheit kann es leider nicht überraschen, dass es auch in der Kirche Missbrauch und sexuelle Übergriffe gegeben hat“, führt sie aus. „Das ist ganz schlimm, und deshalb müssen wir heute so ehrlich und konsequent wie möglich mit dem Kinderschutz umgehen und alles tun, um ihn sicherzustellen.“ Durch Präventionsschulungen, Fortbildungen und eine hohe Sensibilität werde dem im Kirchenkreis Münster inzwischen Rechnung getragen.

Sabine Busch hört mit leiser Wehmut auf, steht aber zu ihrem Schritt, in den Ruhestand zu gehen. „Es ist alles rund und gut, wie es ist“, bilanziert sie. Ihren Nachfolger Martin Rietschel, der bisher beim Caritasverband Aachen gearbeitet hat, arbeitet sie momentan bereits ein. Und was hat sie für den Ruhestand vor, was möchte sie noch unternehmen? Schließlich gibt es nach ihren Erfahrungen für diese Zeit zwei Möglichkeiten: Man fängt noch einmal etwas ganz Neues an, oder man macht etwas, was man immer schon gern machen wollte, wofür man aber nie Zeit hatte. „Ich habe keine großen Pläne und schaue noch nicht darauf, was ab dem 1. Januar ist, sondern schließe erst einmal meine Arbeit hier ab“, versichert sie. „Ich habe überaus gern und erfüllt diesen Beruf gemacht, und mein Motto war und ist: ‚Dienet dem Herrn mit Freuden‘ (Psalm 100).“ Gerd Felder