Münster-Ahr. Seit Sommer 2021 ist Karl H. Köster als Helfer im Ahrtal engagiert. Was mit einem Straßencafé begann, wurde in den Folgejahren mit aufsuchender ambulanter Arbeit fortgesetzt. Hier gibt er Auskunft über seine Erfahrungen als Helfer und erklärt, warum er immer noch Spenden sammelt.
Zum Stand der Dinge
Viel wurde geschafft – und noch viel zu tun. Je nach Blickwinkel sieht man Schönes und Schwieriges nebeneinander. Und „Blickwinkel“ heißt auch: Schaut man nur auf Baufortschritte, zeigt sich das Ahrtal an vielen Stellen neu und einladend. Schaut man auf den Zustand der Menschen, sieht es anders aus. Kraftlosigkeit, Erschöpfung – und sich erst jetzt zeigende Traumata, die bislang meist unbehandelt sind.
Zu den Herausforderungen auf dem Weg
Für die Betroffenen ist es ganz klar: Eine unvorstellbare Katastrophe hat ihnen Haus und Heimat zerstört, Menschen in den Tod gerissen, unfassbares Entsetzen ausgelöst und tiefe Wunden gerissen. Das ist kaum zu verkraften. Daher gilt der Tatkraft, der Energie und dem Willen zum Wiederaufbau tiefer Respekt. Die Menschen wollen ihre schöne Heimat zurück. Aber verarbeitet ist das Alles noch lange nicht.
Für die Helfenden gilt: Der Charme der Schwarmenergie zu Beginn ist längst verflogen. Man konnte sich in der Masse der Helfer Kraft holen, über sich hinauswachsen. Doch nur wenige Helfende sind bis heute stabil drangeblieben. Nachhaltig und verlässlich weiterhelfen braucht viel Zeit und Kraft. In gut vier Jahren waren die Helfer aus Münster ca. 50-mal dort und jeder Besuch fühlte sich an, als sei die Flut eben erst gewesen.
Zur Aufmerksamkeit für die Lage im Ahrtal
Nur in der Zeit rund um den Jahrestag kommt das Ahrtal noch vor. Es haben sich nach 2021 weitere Katastrophen, allem voran der Ukrainekrieg, vor die Linse geschoben. Zudem gibt es in der Bevölkerung eine Art „Entsetzensermattung“. Man will nicht ständig an vergangene Katastrophen erinnert werden. Daraus folgt die fatale Fehleinschätzung, „es müsse doch inzwischen wieder gut sein“. Aber das wird der Lage und den Menschen nicht gerecht.
Zum Lernen aus der Katastrophe
Wichtig sind Beharrlichkeit, Mut und die Erfahrung von Wirksamkeit. Das Ahrtal wäre nicht so weit, wenn die Menschen nicht eine tief in ihnen liegende Kraft mobilisiert hätten, immer wieder aufzustehen, anzupacken und auch zu feiern, Weinfest, Schützenfest, Traditionen pflegen. Sich selbst für die viele Arbeit belohnen mit Geselligkeit und einem guten Glas Wein.
Für Helfende ist die Tatkraft der Bewohner täglich Ansporn weiterzumachen. Tiefe Freundschaften sind entstanden aus der Not heraus. Das verbindet und verpflichtet.
Zur Spendenbereitschaft
Die Spendenbereitschaft ist mager. Das hat viel mit der nachlassenden Aufmerksamkeit zu tun. Wo man nicht mehr hinschaut, sieht man auch keinen Bedarf. Doch es gibt ihn, denn Alltagsbedarfe deckt kein Spendentopf. Die Ahrtalhilfe unterstützt Treffpunkte, die den Menschen Halt und Geborgenheit geben. Besonders Alten, Einsamen, Kranken – und Kindern. Darum sammelt sie auch weiter Lebensmittelgutscheine, und aktuell wieder Kaffee wie am Anfang für die „Kaffeebude“. Oder Mal- und Bastelmaterial, damit Jung und Alt kreative Abwechslung erfahren.
Zum Engagement der Westfälischen Männerarbeit
Seit 2023 bietet die Westfälische Männerarbeit jährlich Studienfahrten ins Ahrtal an. Sie zeigt Hintergründe, wird von Flutbetroffenen durch Ahrweiler geführt, spricht mit politisch Verantwortlichen. Vom Bürgermeister bis zum Ministerpräsidenten. Die nächste Fahrt findet vom 15. Bis 17. Juli 2026 statt. „Beziehungen sind der Herzschlag kirchlichen Handelns“ – mit dieser Überzeugung ist die Männerarbeit unterwegs, schaut über den eigenen Tellerrand auf die Menschen mit ihrem täglichen Kampf, die zurück wollen in ein geordnetes Leben. Die Männerarbeit geht dabei ein Stück mit. Geht in Begegnung und Beziehung auf der Basis des Glaubens.
Zu Urlaubsreisen ins Ahrtal
Die Region lebt vom Tourismus, vom Verkauf des Weins. Es gibt wieder viele Möglichkeiten. Rotweinwanderwege, Winzerfeste, Radtouren und Wohnmobilstellplätze. Es ist eine Region im Wachstum – und wenn man bedenkt, dass sich Baustellen auf „Deutschlands größter Baustelle“ nicht ganz vermeiden lassen, dann kann man dort abwechslungsreiche, entspannende und zugleich spannende Urlaube verbringen. Man hat in jedem Fall etwas zu erzählen.