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Staub, Farben, Glaubensspuren – die Apostelkirche Münster erwacht zu neuem Leben

Zwei Männer und zwei Frauen stehen vor einem Kirchenfenster. Sie lächeln in die Kamera. Ein Mann trägt einen Bauhelm in der rechten Hand.
So nah wie nie: Baukirchmeister Dr. Ulrich Bartels, Pfarrerin Kerstin Schütz, Pfarrer Dr. Christoph T. Nooke und Architektin Diana Danne (v.l.n.r.). Foto: Nicole Schulte

Münster. Manchmal reicht ein Wisch mit einem feuchten Schwamm und Jahrhunderte werden durchlässig. Acht Meter über dem Boden der Apostelkirche in Münster tritt beim Reinigen einer Rippe etwas zutage: winzige blaue Trauben, kaum größer als Münzen. Im Mittelalter war dieses Blau kostbarer als Gold. Heute stellt es eine Frage, die Denkmalpfleger seit Jahrzehnten umtreibt: Was zeigen wir und was lassen wir im Schatten der Geschichte?

 

Das Rätsel über den Köpfen

Es riecht nach Staub und Holz, auf der provisorischen Plattform unter dem Gewölbe ist es still. Nur das leise Schaben der Restaurator:innen ist zu hören. Zentimeter für Zentimeter lösen sie alte Sicherungen aus Japanpapier, füllen Hohlstellen hinter den Fresken, verankern lockere Rippen mit Stahlplatten. Von unten war das nie zu sehen.

„Wir wägen jeden Befund ab“, erklärt Architektin Diana Danne, die die Sanierung koordiniert. „Alles, was wir freilegen, muss so geschehen, dass es reversibel bleibt“.

Minimal eingreifen. Alles dokumentieren. Nichts tun, was sich nicht wieder zurücknehmen lässt. Denkmalpflege kennt drei Prinzipien und jedes stellt die gleiche Frage: Sichtbarkeit oder Schutz?

 

Schichten wie ein Palimpsest

„Es ist Archäologie über den Köpfen“, sagt Baukirchmeister Dr. Ulrich Bartels.

Das Gewölbe ist ein Palimpsest: Schicht über Schicht, Malerei über Malerei, ein Jahrhundert über das nächste gelegt. Ranken, Vögel, Fantasietiere, gemalt mitten im Krieg, als eine stille Behauptung des Lebens gegen die Zerstörung. Spätere Übermalungen haben anderes verdeckt, Kriegsschäden 1945 ließen das Dach offen für Regen und Frost. Jede Generation hat hier ihre Handschrift hinterlassen.

 

Glaubenszeugnisse

„Das sind Glaubenszeugnisse“, meint Pfarrerin Kerstin Schütz. „Menschen haben über Jahrhunderte ihren Glauben in diesen Raum gemalt. Dass wir das jetzt erhalten, ist auch ein Dienst an den Kommenden“.

Ob das Blau freigelegt wird, entscheidet sich erst nach den Laborbefunden. „Und das“, sagt Danne, „wird auch den Zeitplan beeinflussen“.

Bis Ostern 2026 wird gereinigt, verankert, geprüft. Und immer bleibt die Frage: Wie viel Geschichte verträgt die Gegenwart?

 

Gemeinde unterwegs

Währenddessen feiert die Gemeinde Gottesdienste in der kleinen Johanneskapelle, bei Spaziergang-Andachten, bald im Stadtmuseum.

„Manches ist provisorisch, anderes überraschend frei“, sagt Pfarrer Christoph Nooke. „Wir vermissen die große Kirche, aber wir entdecken gerade, wie lebendig Liturgie wird, wenn wir neue Räume erproben“.

Am Tag des offenen Denkmals durften Besucher:innen das Gerüst selbst betreten. „So nah kommt man diesen Malereien nie wieder“, sagt Bartels.

 

Was sichtbar bleibt

Wenn das Gerüst fällt, wird man eine Kirche betreten, in der nicht alles glänzt. Vielleicht bleibt das Blau nur eine Spur, vielleicht leuchtet es wieder auf.

Doch vielleicht liegt das Wertvollste gerade darin: dass wir lernen, Schichten zu lesen, statt Bilder zu polieren und dass Vergänglichkeit nicht das Ende der Geschichte ist, sondern ihre Bedingung.

 

 

Termin:

  • Wiedereröffnung: Ostern 2026