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„Afghanische Frauen sind politisch Verfolgte“ – Abend mit Gedichten, Berichten und Musik beendet stadtweite Plakatausstellung

Das Plakat einer tiefverschleierten weinenden Frau, deren Mund mit dem Wort „Taliban“ vernäht ist, beeindruckte Azadeh Nori in der Ausstellung besonders. Foto: Ulrike von Brevern.

Warendorf. Es gibt gelegentlich Begegnungen, die unfassbar scheinen. So ging es am Internationalen Frauentag Quais Mohammadi, Wirtschaftsprofessor aus Kabul, seit zwei Monaten als Geflüchteter in Deutschland. Er gehörte zu denjenigen, die mit Gedichten, persönlichen Geschichten und Musik die Finissage der stadtweiten Ausstellung „Afghanische Frauen in Not“ in der Warendorfer Christuskirche mitgestaltete. Völlig unerwartet für alle Seiten traf er am Rande der Veranstaltung auf ehemalige Studenten, die er zuletzt in Afghanistan gesehen hatte. Zufällig hatte sie ihre Flucht ins nur wenige Kilometer entfernte Telgte verschlagen.

Positive Überraschungen sind allerdings selten, wenn es um das Thema Afghanistan geht. Dieses Bild jedenfalls hinterließen die Beiträge an diesem Abend, die von der Münsteraner Musikerin Hannah Melea und Werner Letz (Westkirchen) mit Liedern gegen Krieg und Unterdrückung begleitet wurden. 35 von insgesamt über 100 Plakaten, die seit dem Valentinstag in einer stadtweiten Ausstellung an öffentlich zugänglichen Orten zu sehen waren, bildeten Rahmen und Bezugspunkt der Veranstaltung in der Christuskirche.

Die kraftvollen Bilder stammen aus einer internationalen Aktion, die den Tag der Machtübernahme der Taliban in Kabul vor sieben Monaten zum Anlass nimmt, unter dem Motto „Jetzt oder nie“ auf Menschenrechtsverletzungen in Afghanistan aufmerksam zu machen. Künstler und Designer demonstrieren mit ihren sehr unterschiedlichen Werken, die kostenlos im Internet heruntergeladen und verbreitet werden dürfen (https://nowyouseememoria.eu/gallery/now-or-never), ihre Solidarität mit der afghanischen Gesellschaft.

Gemeinsam mit Anke Schreuder, in vielen Geflüchteteninitiativen gut vernetzt, und der heimischen Amnesty International Gruppe hatte Pfarrer Herwig Behring den Abend mit ungewöhnlich persönlichen Einsichten in die aktuelle afghanische Situation organisiert. Im Interview mit Konrad Schoppmann (ai) erzählte der heute 19jährige Faisal von seiner Flucht als Jugendlicher und den Gewalterfahrungen dieser Zeit. Weil seine Familie als Angehörige von Ortskräften Todesdrohungen erhalten hatte, schickte die Mutter ihren Sohn auf die Flucht. Heute, so erzählt er, sei ihre Situation in Afghanistan noch schlimmer. Weil sie keinen männlichen Begleiter mehr hat, darf sie unter den Taliban das Haus nicht mehr verlassen. Seine Schwester, die an einer Hochschule unterrichtet hatte, sei ebenfalls arbeitslos und ans Haus gefesselt. Die Familie habe kein Einkommen mehr.

Ähnlich wie ihr geht es auch Mayam, die noch in Afghanistan lebt und deren Schilderung der gegenwärtigen Lage Anke Schreuder verlas. Die Freckenhorsterin versucht derzeit unter anderem gemeinsam mit der evangelischen Gemeinde Mayam und weitere Familienmitglieder aus Afghanistan heraus zu holen. Die Familie sei über den Einmarsch der Taliban geschockt gewesen, heißt es in dem Bericht. „Wir dachten es könnte nicht schlimmer werden. Aber es ist so.“ Es herrsche blanke Willkür und: „Unter den Taliban sind alle Frauen politische Gefangene.“

Neben der persönlichen Erfahrung bildete Lyrik afghanischer Frauen den zweiten Schwerpunkt der der Veranstaltung – sowohl in persischer wie in deutscher Sprache. Die Übersetzung überraschte mit ungewohnten, eindrucksvollen Bildern, betonte aber auch die Forderung nach gleichberechtigter Teilhabe afghanischer Frauen. „Es ist der Wunsch, Luft zum Atmen zu haben“, sagte Azahdeh Nori, die im Tandem mit Gertraud Schlüter ein Gedicht über sexualisierte Gewalt an afghanischen Frauen für ihren Vortrag ausgewählt hatte.

Ein ganzer Abend zur Unterstützung von Menschen in und aus Afghanistan, obwohl doch gerade das Leid der Flüchtenden aus der Ukraine in aller Munde ist? „Es fällt in diesen Tagen leicht, Kabul aus dem Blick zu verlieren“, hielt Superintendent Holger Erdmann dem in seinem Grußwort entgegen. Die Ukraine sei nicht nur medial, sondern auch geographisch so viel näher. Doch: „Es ist mir nicht egal, was 5146 Kilometer von Warendorf entfernt passiert“, betonte er und lobte das Zeichen der Solidarität, das Veranstalter wie Besucher setzten. „Einander nicht aus den Augen zu verlieren, das verlangt unser Menschsein.“ Angesichts der Gewalt und der Perspektivlosigkeit unter dem Taliban-Regime sei das Leben in Afghanistan derzeit nicht mehr menschenwürdig. UvB

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